Die Gesellschaft der gescheiterten Gescheiten

Wir sind der Zerfall einer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die sich an Fersen heftet, denen sie nicht folgen kann. Wir klammern uns an abblätternde Hornhaut. Greifen ins Leere und schauen den Fersen nach. Wir sind die Ja-Sager. Ab und an sagen wir auch Amen. Nur für unser Gewissen. Um sagen zu können: Wir haben doch alles richtig gemacht. Die Gesellschaft der Gescheiterten, die sich für die Gesellschaft der Gescheiten hält. Blind folgen wir. Die Augen hat man uns genommen. Dornen tief in die Pupillen getrieben, damit wir die Wahrheit nicht erkennen. Schmerzvolle Erkenntnis weniger, kapitulierendes Hinnehmen vieler. Jene, die erkennen, unternehmen nichts. Wie auch. Sie sind blind. Ohne sehen zu können, gegen wen man die Stimme erhebt, bringt auch ein Aufschrei nichts mehr. Die absolute Kapitulation. Es ist Zeit zu handeln, doch der Markt ist gesättigt. Angebot: Fehlanzeige! Nachfrage: Wofür? Wir haben doch alles. Wir sind satt. Und reich. Reich an Dummheit und Egalität. Es wäre ein einfaches, diesen Dorn einfach aus dem Auge zu ziehen. Nur, wer traut sich das schon. Die kleine Rebellion, der große Aufstand. Der Sturm auf die Bastille. Aber auf welche? Man hat uns gefesselt. Gefesselt mit unsichtbaren Bändern leerer Versprechungen. Worthülsen ummantelt von Lametta. Damit sie hübsch anzuschauen sind. Doch Scheiße in Lametta gehüllt bleibt immer noch Scheiße. Egal, wie man sie dreht und wendet. Spätestens dann, wenn man dran riecht, erkennt man den üblen Gestank der Lüge. Das Gefühl des Verrats traf uns einst wie ein harter Schlag. Ein Schlag in das Gesicht einer Gesellschaft, die sich im Begriff als solche schon selbst widerspricht. Wo sind die Hände, die ineinander greifen? Wo sind die Fäuste in der Luft? Wo ist der Aufschrei. Wo sind die Massen auf der Straße? Die Wut, die in den Bäuchen brodelt. Überzukochen droht. Wo ist der Tropfen auf den heißen Stein. Der das Fass zum Überlaufen bringt. Der Funke, der das Feuer entfacht. Wir haben gelernt zu akzeptieren, das Handeln wurde uns genommen. Wir sind satt und haben gleichzeitig nichts. Wir sind die Verurteilten. Die Bloßgestellten. Ohne das wir es merkten. Aber wir wussten es. Erkenntnis kommt meist dann, wenn es zu spät ist.

Diese Welt, die dort in Schutt und Asche liegt, war einmal leuchtend. Farbenfroh und lebendig. Der traurige Anblick lässt es nicht vermuten. Splitter der Scherben eines Spiegels graben sich tief in den Morast. Sinken immer tiefer. Um irgendwann ganz zu verschwinden. In den einzelnen Splittern spiegelt sich, schemenhaft und schwach, die Welt und was sie einmal ausmachte. Als das Feuer noch nicht brannte. Der Funken nur loderte. In den Herzen. Er loderte zu lange und die Herzen trockneten aus. Nun stehen wir hier. Einsam und verlassen. Ganz gleich irgendwelchen Zombies mit leerem Blick und der Gier nach mehr. Die Frage ist nur: Nach einem Mehr von was? Wir haben doch alles. Denken wir. Hat man uns Glauben gemacht. Wir, die Lemminge, laufen einer dem anderen nach. Springen den Abgrund hinunter. Nur um unten einem Massengrab gleich aufeinander zu fallen. Uns zu stapeln. Bis man en brennendes Zündholz werfen kann und das Feuer erneut brennt. Schutt. Asche. Der Scheiterhaufen der gescheiterten Gescheiten. Die Geschichte wiederholt sich.

Und oben sitzen sie. Auf der Spitze des Berges. Sie sitzen dort und lachen sich in die geballte Faust. Die Faust, die diese verblendete Gesellschaft zum Niedergang führte. Die Faust, die uns unterdrückt. Sie sitzen dort. Lassen sich von Hochglanznutten die Schwänze polieren. Bis diese nur noch keuchen. Gezeichnet vom teuflischen Saft, der ihnen die Mundwinkel runterläuft. Sie rauchen Geldscheine. Fressen Koks. Sie lachen. Sie sitzen dort und lachen. Spucken sich gegenseitig den Champagner in die offenen habgierigen Mäuler und lassen das Volk elendig verrecken. Politiker ficken 16-jährige und die Umfrage besagt, dass mehr als die Hälfte von uns das Hinnehmen wird. Er sei ein guter Politiker. So weit haben sie uns. Die da oben. Wie sie da sitzen. Mit gebleckten Zähnen. Das falsche Grinsen einer Maske, die bei genauer Betrachtung einer widerlichen Fratze gleicht. Die Fratze des Teufels. Dieses Land atmet Boshaftigkeit. Und schwitzt sie wieder aus. Aus allen Poren. Bis es Blut regnet. Und auf uns niederprasselt. Die, die wir da unten liegen. Brennend. Ein Haufen von Asche, der in der Flüssigkeit verschwindet. Bis nichts mehr übrig bleibt.

Würde man doch nur einmal den Mut aufbringen, die Scheuklappen von den Augen zu reißen. Den Dorn zu entfernen – auch wenn es schmerzt. Wahrheit tut immer weh. Hätte man nur einmal diesen Mut. Dieses Brodeln im Bauch, welches einen fast kotzen lässt, wenn man es nicht eh schon tagtäglich täte. Dann vielleicht, aber auch nur ganz vielleicht, hätten wir die Chance zu rebellieren. Die Straßen zu pflastern. Mit Parolen und marschierenden Menschen. Die Wut im Gesicht, den Frieden im Herzen. Was muss noch passieren, damit dieser Mut endlich das Licht des Tages erblickt. Sehen darf, wie schön der Sonnenschein sein kann und wie schrecklich die Realität an sich ist. Was muss passieren, damit die Gesellschaft endlich die der Gescheiten wird und das Scheitern aufgibt? Welcher Impuls muss folgen? Welcher Beweggrund? Niemand kann sagen, dass er das hier will. Und wenn jemand behauptet, dass doch alles gut sei, dass man sich sicher fühlt. Dann sage ich ihm, dass er nichts erkannt hat. Der Thron der Menschen dort oben, er steht auf wackligen Füßen. Halb angesägt. Halb stabil. Sie fühlen sich zu sicher. Wissen uns in ihrer Hand. Und das ist unser Verhängnis. Das ist unsere Bestrafung. Die Strafe für´s Zusehen. Und für´s Hinnehmen. Sie wissen, wir werden nichts unternehmen. Weil wir feige sind. Glauben, keine Macht zu haben. Aber welche Macht ist stärker als jene der Gesellschaft, wenn sie nur richtig eingesetzt wird? Wann hört es endlich auf, uns Gott verdammt nochmal egal zu sein? Wann? Die Zeichen stehen auf Sturm. Die Gedanken können verändert werden. Sie können ausgesprochen werden. Wann? Wenn nicht jetzt?

Dies hier, dies ist kein Aufruf zur Revolte. Kein Schrei nach Hilfe. Dies ist ein Appell an den Kopf. An das was man einst eisernen Willen nannte. An das, was systematisch gebrochen wurde. Das ist ein Aufruf zur Nutzung des Intellekts. Ein Denkanstoß. Dies ist die Verbalisierung von Wut. Der Ausdruck von Unverständnis. Ein Zeichen. Unser Manifest. Vielleicht ist es aber auch nur eines: Der Aufruf zum Sprung. Runter von der Klippe. In das brodelnde Feuer der längst Verlorenen.

Wie alles begann….

….aus gegebenem Anlass:

these riots are just the beginning!

Und nichts passiert….

Mach doch mal das Licht an.  Sage ich. Und nichts passiert. Also liege ich weiter in der Dunkelheit und starre ins Nichts. Ich warte darauf, dass dieses Klicken ertönt. Doch es bleibt aus. Dieses Klicken, gefolgt vom kurzen immer wiederkehrenden Aufflackern der Leuchte. Bis sie sich fängt und konstant brennt. Doch es bleibt aus. Still und dunkel. An dieses Gefühl werde ich mich nie gewöhnen. Genau so wenig, wie meine Augen sich gerade im Moment mit dem Schwarz, das sie umgibt, anfreunden wollen. Damit wenigstens Silhouetten erkennbar werden. Aber auch diese bleiben verborgen. Alles einheitlich. Alles schwarz.

Sag doch mal was. Bitte ich. Und nichts passiert. Also übe ich mich in Geduld und versuche diese Stille zu ertragen. Warte auf den ersten Ton. Auf den Klang dieser mir so vertrauten Stimme. Doch sie bleibt aus.Ich liege einfach da und warte auf Worte, die sich zu Sätzen zusammenfügen. Schlussendlich eine Geschichte ergeben. Eine Geschichte, die mich beruhigt einschlafen lässt. Dafür sorgt, dass diese abartigen Träume endlich aufhören. Wenn auch nur für kurze Zeit.

Berühr mich doch mal. Bettle ich. Und nichts passiert. Also warte ich darauf, dass ich spüre, wie sich deine Finger um meine Haut winden. Wie dein Arm sich langsam um meinen Öberkörper schmiegt und mich festhält. Doch, das einzige was ich spüre ist der kalte Lufthauch, der durch das offene Fenster durch den Raum schwebt. Wie er mich erst sanft umgibt. In Sicherheit wiegt. Mich dann aber zittern lässt. Am ganzen Körper.Der Schauder über den Rücken. Die Haare stellen sich auf.

Beweg dich doch mal. Flehe ich. Und nichts passiert. Also warte ich darauf, dass du dich im Schlaf von mir wegdrehst und ich dir unbewusst bewusst folge. Nur um dich weiter im Arm zu halten. Um dir Sicherheit zu spenden. Geborgenheit. Aber auch Nähe und Wärme. Ich möchte dich beschützen. Doch dafür ist es zu spät. Ich bin dir einmal zu wenig gefolgt.

Mach das Licht an. Sag was. Berühr mich. Beweg dich. Ich verlange nicht viel. Nur dieses Bisschen. Doch nichts davon passiert. Manchmal ist es so, als wärst du noch da. Dann schau ich in deine Augen. Spiegel mich in ihnen. Sehe wie ich grinse. Du grinst zurück. Schaltest das Licht aus. Wünschst mir eine gute Nacht und berührst meine Haut. Manchmal. Viel öfter aber passiert einfach nichts und ich liege einfach da. Unfähig, mich daran zu erinnern, wie und was einmal war. Vor allen Dingen verschwindet langsam meine Vorstellung, wer du einmal warst. Du bist gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Einfach eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht. Ich wünschte, ich könnte genau so schlafen, wie du es machst. Ich bin müde, aber noch nicht müde genug. Irgendwas hält mich hier. Und wenn es nur die Bilder in meinem Kopf sind. Diese Erinnerung. Daran, was einmal war. Ich habe Angst, dass diese Erinnerungen ebenfalls verblassen, wenn ich so lange schlafe, wie du es kannst. Also bleibe ich wach. Und erinnere mich.

Moderner Kannibalismus – oder wie ich anfing mich selbst zu fressen

Die Stadt zerfrisst mich. Es begann schleichend, ohne, dass ich es merkte – jedoch mit Vorwarnung. Die Zeichen erkennt man natürlich – wie sollte es anders sein – immer erst dann, wenn es schon viel zu spät ist. Es ist diese Stadt, die mich handeln lässt. Sie steuert mich. Jeden Schritt. Meine Gedanken. Mein Sein und auch mein nicht Sein. Sie ist der Knotenpunkt. Der Teufelskreis um die eigene Achse.

Ich stehe morgens auf. Drücke in völliger Lethargie und mit noch geschlossenen Augen den Knopf der Senseo-Maschine. Gerade rechtzeitig schleppe ich mich ins Bad. Ich pinkle. Es gab schon Tage, da habe ich diesen Weg nicht hinter mich gebracht, bin während des Drückens auf den Knopf der Senseo-Maschine wieder eingeschlafen und hab einfach laufen lassen. Die Sauerei war mir egal. Mich traf keine Schuld. Der Sündenbock ist diese Stadt. Wenn ich es aber doch ins Bad schaffe, lehnt mein Kopf – während des Urinverlustes – an den kalten Fliesen. Zeit, die Ordner neu zu strukturieren und den Papierkorb zu leeren. Ground Zero. Ein neuer Tag. Ich schlafe dabei meistens wieder ein. Und werde von der Schlummerfunktion meines Weckers unsanft aus meinem ersten Tagtraum gerissen. Irgendwo in mir schallt es nach peinlich berührter Stille: „Jaja, so ist das. So ist das Leben“ und dann ist es wieder still. Die Unterhose lasse ich unten wenn ich aufstehe und abziehe. Die wird sich schon von selbst wegräumen. Im Zweifel macht es diese Stadt. Die macht ja eh alles, ohne, dass ich davon was mitbekomme. Bewusst zumindest. Nach einem kurzen Blick in den Spiegel erwische ich mich dabei, wie ich einige Sekunden in dem Gedanken verweile, wann ich mich das letzte Mal so mürbe gefühlt habe. Die Antwort folgt auf dem Fuße. Gestern. Und am Tag davor. Und am Tag davor. Das Spiel könnte man ewig so fortführen. Also nochmal hinsetzen. Kopf an die Fliesen. Ordnerstruktur. Papierkorb. Format C. Gedanke gelöscht. Beim Aufstehen vermeide ich dieses Mal den Blick in den Spiegel – es wäre sonst eine dieser Endlosschleifen, aus denen man alleine nicht mehr rauskommt. Also schnell zurück in die Küche. Der komische Blick des Nachbarn durch das offene Fenster, als er meinen Schwanz und die lieblos umherbaumelnden Eier entdeckt, schockt mich auch nicht mehr. Fröhlich grinsend – es ist so falsch – winke ich ihm zu. „Das ist die Stadt!“, rufe ich. Er nickt und geht seines Weges. So wie jeden Morgen.

Er ist einer dieser grauen Menschen. Nur schon viel grauer als die meisten. Die Stadt hat auch ihn zerfressen. Von innen heraus, bis seine äußere Hülle aufriss – schier platzte – und er Zement blutete. Industrieromantik einmal anders. Aus seinem Blut baute er sich ein kleines Haus am Randbezirk. So wirklich raus wollte er nicht. Seine Wohnung in der Stadt jedoch behielt er. Der Teufelskreis um die eigene Achse verlangte seinerzeit, dass dieses Haus am Randbezirk bis heute leer steht. Als ich noch nicht wusste, wie die Dinge wirklich liefen, fragte ich ihn nach dem Grund. Seine Antwort war so simpel, wie erleuchtend. „Das ist die Stadt!“. Mein verdutzter Blick schien ihn verwundert zu haben. Aber recht schnell wurde ihm klar, dass ich noch weit entfernt davon war, überhaupt auch nur annähernd etwas zu verstehen. Wie Recht er damit haben sollte, das ist mir erst jetzt bewusst geworden. Wenn ich heute rückblickend an diesen Moment denke, dann fällt mir auf, dass ich Bauklötze staunte – Ironie der Tatsache, aber so war es. Ein erstes Zeichen der Industrialisierung meiner selbst. Ein Zeichen, dass ich damals nicht deuten konnte, auch wenn sich die Bauklötze vor mir zu einem unüberwindbaren Haufen türmten. Unsichtbar zwar, aber vorhanden.

Wenn man nicht peinlich genau aufpasst, dann fällt einem gar nicht auf, dass der Tagesablauf eigentlich immer der gleiche ist. Nach dem Gespräch mit meinem Nachbarn, bequeme ich mich dazu, mir endlich mal meine Verkleidung, besser bekannt als Klamotten, überzustreifen. Ich ziehe es vor, nicht ständig und immer diese seltsame Form der Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Nicht jeder ist schon so weit wie meine dunkelgrauer Nachbar. Der Kaffee aus der Senseo Maschine ist nicht durchgelaufen. Ich hab vergessen ein weiteres Mal auf den Knopf zu drücken, damit das Wunderwerk der Technologie den braunen Saft auch in die Tasse spritzt. Das hole ich nach – so viel Zeit muss sein. Zum Trinken bleibt aber keine Zeit mehr. Also schütte ich mir den Kaffee nur schnell ins Gesicht. In der Hoffnung, dass dies den gleichen Effekt hat, wie wenn ich ihn runterschlucke. Hat es nicht. Immerhin gibt das aber einen schönen Teint auf der Haut. Das macht mich für einen kurzen Moment glücklich und ich muss grinsen. Fremdes Gefühl. Irgendwie. Also ziehe ich die Mundwinkel schnell wieder nach unten oder verforme meinen Mund immerhin zu einem geraden Strich. Das ist das Maximum an Ausdruck, welches ich morgens zu Stande bringe. Der Blick auf die Uhr lässt meinen Mund aber zu einem panisch zitternden „O“ werden und ich rase – ohne noch einmal in den Spiegel zu schauen, wir kennen das Problem schon – aus der Tür.

Auf der Straße quetsche ich mich durch Gestalten, die eins geworden sind mit dem Beton. Ich darf sie nicht berühren. Sonst bröckelt die Fassade. Erst letzte Woche berührte ich einen mir unbekannten Mann, der einfach nur so da stand. Grau, wie er war. Als ich mich gerade zu einer Entschuldigung durchringen konnte und mich umdrehte, bemerkte ich, wie sich sein Arm, den ich zuvor berührte, einfach vom betonfarbenen Körper löste, zu Boden fiel und dort in tausend Splitter zerschellte. Mir blieben die Worte im Hals stecken. Doch irgendwie sind die Worte, die einem fehlen doch die schönsten. So etwas schönes wollte ich nicht verschenken und so behielt ich die wunderbar formulierte Entschuldigung einfach in mir und schluckte sie runter. Ein warmes Gefühl in meiner Magengegend. Lange hielt das aber nicht an. Während ich noch an die vergangene Woche denke, greife ich um meinen Hals, um mir meine Kopfhörer aufzusetzen. Und bekomme Panik. Meine Hände greifen ins Leere. Ich habe meine Musik zu Hause liegen gelassen. Ohne überlebe ich diesen Tag nicht. Irgendwie muss ich mich vor dieser Stadt doch schützen. Meine Kopfhörer sind da genau richtig. Also haste ich wieder zurück. Diesmal ist mir egal, ob ich die grauen Gestalten berühre. Eine nach der anderen fallen sie. Zerschellen geräuschlos. Und dann ist es fast so, als hätten sie nie existiert. Die Stadt hat sie einfach aufgefressen und sie wurden eins mit ihr. Gierschlund.

Fünf Minuten später stehe ich zehn Meter unter der Erde. Auf den Ohren Musik. Neben mir Beton. Unter mir Beton. Vor mir ebenfalls Beton. Diese U-Bahn-Stationen sind einfach trostlos. Ich sehe sich bewegende Münder. Verstehe aber kein Wort. Das ist gut so. Ich will nichts von den Schicksalen der anderen wissen. Das Leben der anderen – es ist mir egal.  Und vor allen Dingen möchte ich nichts über diese Stadt hören. Ich brauche meinen Freiraum. Ich brauche es, denken zu können. Wann, wenn nicht jetzt. Die Bahn fährt ein. Graue Massen drängen sich an den Bahnsteig. Prügeln sich in die Waggons, um dort zusammengepfercht zu stehen. Ich stehe mittendrin. Beobachte die Leute, alle mit sich selbst beschäftigt. Wie immer. Ellbogengesellschaft. Die Bahn fährt los. Eine Erschütterung, manche Gestalten berühren sich, zerfallen und werden eins. Asche zu Asche. Beton zu Beton. Nächster Halt. Versteinerte Gesichter vor den Türen. Eiserne Härte in den Blicken derer, die sich schon in der Bahn befinden. Türen gehen auf. Menschen strömen rein. Türen gehen zu. Der Alltag regiert. Die Menschen blicken zu Boden, während ich sie und ihre Eigenarten beobachte. Nach Fehlern in einer ach so perfekten Welt – ich dachte wirklich sie wäre es – suche. Die Bahn fährt unaufhaltsam Richtung Ziel. Immer mehr Graue steigen ein und wieder aus und zunehmend leert sich das Gefährt. Meine Haltestelle ist noch nicht erreicht. Und dann fällt mir zum ersten Mal, dass die Gestalten keine Gesichter haben. Schemenhaftes Gewaber. Undefinierbar.

Mittlerweile sind Sitzplätze frei. Ich bleibe stehen, bin unfähig mich zu bewegen. Diese plötzliche Erkenntnis lähmt mich. Bis auf´s Letzte. Ich werde von einer unsichtbaren Kraft an die Wand gedrückt und lasse mein Inneres nach außen kehren. Viel zu spät – wie immer – bemerke ich die Pfütze feuchten Betons unter mir und reagiere, wie man in solchen Momenten immer reagiert, mit Panik. Nie wollte ich werden, wie diese grauen Menschen. Nie wollte ich eins mit dieser Stadt werden. Und scheinbar bin doch auf dem besten Wege genau da hin. Viel zu lange habe ich die Augen verschlossen, vor den Zeichen, die wie Mahnmale über mir prangerten. Neonreklame, gleich der in Tokio. Gesehen habe ich sie nicht. Vielleicht wollte ich nicht. Jetzt ist es zu spät. Ich stehe alleine in der Bahn in meiner eigenen Pfütze meines ganz persönlichen Betons. Merke wie er langsam hart wird und ich mich nicht mehr fortbewegen kann. Ich spüre, wie meine Glieder steif werden. Mittlerweile spucke ich staubige Brocken. Mit lautem Krach fallen sie zu Boden. Ich würde so gerne schreien, aber nichts als heiseres Husten entweicht meinem Mund. Als es zu spät ist – also genau jetzt – erkenne ich langsam den Grund. Wie Schuppen – welche Ironie – fällt es mir von den Augen. Jetzt hilft nur noch eins. Kopf an die kalte Scheibe. Ordnerstruktur neu ordnen. Papierkorb leeren. Format C: Ausführung des Befehls verweigert. Erkenntnis kommt jetzt. Wir leben in einer anonymen Welt. In der Großstadt. Jeder für sich allein. Allein mit seinen Problemen und vor allen Dingen allein mit seinen Ängsten. Gesprochen haben wir nie. Sprechen werden wir nie. Warum? Weil wir es nicht mehr können. Unsere Ängste zerfressen uns von innen. Wir zerfressen uns von innen. Von ganz alleine. Wir haben die Kraft, das zu ändern. Doch wir nutzen sie nicht. Die Stadt verbietet uns das. Wir schieben die Schuld immer wieder auf diese Stadt und merken nicht, dass sie doch tief in unserem Inneren liegt. Die Stadt ist wir. Wir sind die Stadt. Wir fressen uns selber auf. Bis wir zerfallen. Und Häufchen gleichen. Elendshäufchen. Das ist Industrieromantik. Das ist unsere Strafe. Das ist der moderne Kannibalismus.

Eine Botschaft.

Selbst Worte sind manchmal zu viel.

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Nachtgeflüster

Die Dunkelheit, die ihn umgibt, ist nur schwer greifbar. Endlos tief scheint das Schwarz zu sein, in das der Tag getaucht wurde. Es ist eine dieser Nächte, die nie enden wollen. Eine Dunkelheit, die nichts gutes verheißt. Nichts ist zu hören. Das Klappern der Zähne und das Beben des Körpers sind die einzigen Momente, die eine Form von Leben und Existenz aufweisen. Die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Immer noch sitzt er zusammengekauert in der Ecke, die Beine angezogen, die Arme darum geschlungen. Er starrt fixiert auf einen Punkt ihm gegenüber. Lässt ihn nicht aus den Augen. Dort sitzt eine Gestalt. Sie flüstert. Das Einzige, was von ihr zu sehen ist, sind ihre leuchtenden Augen. Immer wieder ertönt ihre Stimme. Leise. Nie aufbrausend und doch Unheil verkündend. Die Gestalt macht keine Anstalten, sich auf den ängstlich in die Ecke Gedrängten zu zu bewegen. Sie flüstert einfach auf ihn ein. Der Blickkontakt wird nicht unterbrochen. Das Innere fleht darum zu fliehen, doch der Körper ist starr, kann sich nicht bewegen. Das Flüstern wird lauter. Eine Stimme wird klar erkennbar. Nun nicht mehr nur schemenhaft. “Du hast mein Herz vergiftet und Narben hinterlassen, wo du nur konntest”, das versteht der ängstliche Mensch und weiß nichts damit anzufangen. Noch einmal ertönt die Stimme. Sie redet wirres Zeug. Und plötzlich herrscht Stille.

Die dunklen Augen verschwinden im Nichts. Ohne eVorwarnung ist der einzige Lichtfaktor im Raum erloschen und es gibt keinen Orientierungspunkt mehr. Wo ist die Wand? Wird der Raum kleiner? “Ich kam um den Menschen zu finden, den ich verloren glaubte”, schallt es auf einmal aus der Dunkelheit. Diesmal wirkt die Stimme näher. Lauter! Mit einem Mal tauchen die Augen wieder auf. Direkt vor dem Ängstlichen. Vor Schreck schreit er auf. Es ist ein kurzer, aber angsterfüllter Schrei und immer wieder schwirren Fragen durch den Kopf. Antworten darauf erhält er keine. Stattdessen ertönt weiteres diffuses Geflüster.  Der verstörte Mensch schließt die Augen. Versucht diesem Albtraum zu entfliehen. Das Ergebnis ist das Gefühl von Händen, die sein Gesicht berühren. Starr vor Angst bleibt er auf dem Fleck. Den Mut, sich zu bewegen, hat er schon lange verloren.

Die Hände ertasten jede Stelle seines Körpers, versuchen seine Form, die des Gesichtes zu erfühlen. Die flüsternde Stimme wirkt nun nicht mehr bestimmend sondern zerbrechlich. Und dennoc versteht er kein einziges Wort. Plötzlich taucht das Gefühl von kaltem Metall auf der Haut auf. Eine scharfe Klinge bahnt sich ihren Weg über den Arm und in einer nun wieder bedrohlichen Ruhe flüstert die Stimme: “Das ist deine Bestrafung! Das ist meine Wut! Das hier könnte brutal werden, aber du wirst dich verändern!” Das ist zu viel. Die Augen drehen sich nach oben und eine tiefe Ohnmacht überfallt die Person in der Ecke. Doch nicht bevor sie einen brennenden Schmerz und die Wärme des eigenen Blutes spürt. Von dem was nun passiert, bekommt sie nichts mehr mit. Alles geschieht gegen den eigenen Willen. Die Macht, etwas dagegen zu unternehmen, wurde systematisch genommen. Langsam verstummt die Stimme, hallt immer wieder nach, bis sie letzten Endes komplett ausbleibt. Dunklheit. Ruhe.

In einem leeren Raum ist es taghell, ein Mann liegt zusammengekauert in der Ecke, in seinem eigenen Erbrochenen und Urin. Er reißt die Augen auf, schreit, schlägt um sich und erblickt…nichts. Eine weitere Nacht eines Mannes, der alles verloren hat und sich in die Drogen flüchtete, ist überstanden. Aber diese eine Nacht hat etwas in ihm verändert. Langsam löst er den Riemen, der um den Arm geschlungen ist und zieht die noch steckende Spritze raus. Angewidert wirft er sie weg. Die Gedanken schwirren durch seinen Kopf. Lassen Bilder entstehen. Bilder von seiner Frau und seiner Tochter. Verblasst. In Sepia. Nur schemenhaft. Fast hätte er sie vergessen. Zu lange und viel zu früh sind sie aus dem Leben geschieden. Er nimmt sich ein Stück Papier, einen Stift und beginnt seine Erlebnisse der letzten Nacht aufzuschreiben. Er schreibt. Unaufhörlich. Bis Blut auf das Papier tropft. Die Überschrift lautet: “Das Erbe”. Die letzten Worte seines Textes sind ihm jetzt schon bewusst und mit einem Lächeln im Gesicht schreibt er sie nieder: “Ich wurde wiedergeboren! Aber ich erinnere mich!”

Ein Aufruf

Frei zitiert nach Dirk Bernemann:

Hui, was für ein Tag, sagt der Tag, der gerade ist und geht einfach weiter. Wieder mal offene Schockmünder und für jeden was dabei heute. Amy Winehouse tot. Typ in Norwegen tötet mit Zufallsgenerator fast 100 Leute. Ach ja, Dortmund spielt heute gegen Schalke. In Somalia sterben die Leute, weil sie nichts zu fressen haben. Gib doch den Nachrichten eine Chronologie der Wichtigkeit bettelt man sein überfordertes Gehirn an, doch das denkt noch kurz an den Abend und da ist ja kein Bier mehr im Kühlschrank. Gehört da aber rein. Muss jetzt kaufen. Jetzt. Im Radio läuft Amy Winehouse. Kacke.

Wer sich wie ne Crackhure verhält, soll auch wie ne Crackhure sterben, sagt eines, was neben dir sitzt und jetzt mit dir von dem Bier hat. Du selbst zuckst Schulter und suchst Weg durchs Geäst der Informationsvielfalt und willst nur mal kurz Standpunkt, nur mal kurz so Standbild mit Ruhephase, vielleicht 30 Sekunden Ruhe von dem Geballer, dem Mitleid erhaschen wollen, der ganzen Rotzbrigade da draußen.

Dein Plattenschrank beinhaltet eine Amy Winehouse Platte. Du legst sie auf und denkst, wenn du jetzt heulst, dann passiert irgendwas komisches mit dir. Du legst die Platte also auf, die Musik dümpelt los und du fühlst nix. Im TV so Hungerkinder, die mit dem Gesicht im Sand liegen. Selbst das als Kombination kann dich jetzt nicht weinen machen. Das Ding neben dir hat schon angefangen zu singen, will mehr Bier. Das ist also die Welt, wie sie heute ist. Schön ist das alles nicht, Schönheit liegt nur im Auge des Verachters.

Drogenpopstars, Attentäteropfer und Hungerkinder sterben wie die Fliegen und wir sitzen in irgendwelchen Küchen und diskutieren angebliche Wichtigkeiten, z. B. wer es denn jetzt schlimmer hat. Langsam wird dir klar, dass dir immer mehr egal wird und dass es sich gut anfühlt. Trauer hält nur auf, legt Steine auf Wege und die Winehouse Platte geht zu Ende und dieser Text ist kein Nachruf, sondern ein Aufruf.

Kotze der Gedanken

Und auf einmal tauchen sie aus dem Nichts auf…

Dieses Summen. Es bringt dich um den Verstand. Fliegen! Überall Fliegen. Dieser Schwarm. Schwarz in schwarz. Erst ummantelt er nur deinen Kopf. Verdeckt deine Sicht. Verklärt deine Sinne. Ernährt sich von deiner Panik. Wächst über sich hinaus. Nimmt deinen ganzen Körper ein. Du windest dich. Schreist um Hilfe. Chaos bricht aus. Zumindest in deinem Kopf. Du beginnst zu schreien. Nach Hilfe zu kreischen. Diese Fliegen stechen. Sie zerstechen dir dein Gesicht. Deine Haut. Deinen ganzen Körper. Dir wird noch schwärzer vor den Augen. Diesmal sind es nicht die Fliegen, die daran Schuld sind. Du veränderst deine Gestalt. Wirst eins mit den Fliegen. Ein schwarzes Etwas. Ein schwarzes Loch. Ein Loch in der Welt. In eine andere.

…und dann ist auf einmal alles nass…

Wild um dich schlagend, versuchst du den Fluten zu entkommen. Wasser im Mund. Wasser in der Lunge. Panische Schnappatmung. Noch mehr Wasser. Eine unsichtbare Kraft drängt deinen Körper immer weiter nach unten. Tiefer in Richtung Grund. Nach Luft zu japsen hast du längst aufgegeben. Immer wieder drehst du dich um die eigene Achse. Schlägst Kreolen. Unaufhörlich. Ohne es zu wollen. Immer weiter füllen sich deine Lungen. Dein Körper füllt sich mit Wasser. Du quillst auf. Deine äußere Hülle hält dem Druck nicht stand. Unter Wasser hört dich keiner Platzen. Plötzlich bist du weg. Und alles nimmt seinen geregelten Lauf. Ganz genau so, als hättest du nie existiert.

…und dann ist dir auf einmal alles egal…

Wie von der Trägheit geküsst und von wild umher tanzenden Zähnen verwirrt schlägst du die Augen auf. Wiedergeboren als Regenmacher. Umgeben von Totmachern. Sie wollen, dass du tanzt. Tanze deinen Tanz. Langsam beginnst du. Erst das eine Bein. Dann das nächste. Sie tun es dir gleich. Ahmen deine Bewegung nach. Die Blicke gen Himmel gerichtet. Die Wolken ziehen sich zusammen. Der Donner grollt in weiter Ferne. Du tanzt. Schreist unverständliche Laute. Du bist der Regenmacher. Sie sind die Totmacher. Sie machen es dir nach. Sie tanzen. Sie schreien. Die ersten Tropfen bahnen sich ihren Weg aus den Wolken in Richtung Erde. Sie schlagen auf. Es blitzt. Der Donner knallt. Die Totmacher fallen um. Im Kollektiv. Deine Chance. Du hörst auf zu tanzen und beginnst zu rennen.

…und dann läufst du deinen Todesmarsch….

Du läufst und läufst. Durch die dunkle Nacht, vorbei an blühenden leuchtenden, sonderbar anmutenden Pflanzen. Du rennst. Immer weiter. Mit nackten Füßen auf unbekanntem Terrain. Feindliches Gebiet. Dornen graben sich tief in dein Fleisch. Todgeweihtes Fleisch. Du rennst. Hinter dir Geschrei. Wilde Kreaturen. Die Totmacher sind dir auf den Versen. Sie sind viele. Du bist alleine. Die Nacht wird dunkler. Der Wald wird dichter. Der Weg geradeaus versperrt. Du schlägst Haken. Überschlägst dich. Landest mit dem Gesicht auf dem Boden. Weich und Warm. Feuchtigkeit ummantelt dich. Weit entferntes Geschrei. Nicht vor Wut. Sondern vor Schmerz. Eine Person. Nicht viele. Wieder schlägst du Kreolen. Dunkel. Nass. Am Ende des Tunnels ein Licht. Plötzlich ein Druck von hinten. Du wirst nach vorne gepresst. Wasser und rote Flüssigkeit schießen an die vorbei. Du fragst dich, was hier geschieht. Durch eine schmale Öffnung spürst du den kalten Lufthauch. Die Öffnung wird größer. Weitet sich aus. Grinsende Gesichter. Greifende Arme. Das ist alles was du siehst. Und du beginnst zu schreien.

…um wieder von vorne anzufangen.

Von Demontage und Erkenntnis

Ein sonniger Tag in einem fiktiven Jahr. Die Straßen sind gezeichnet von geschäftigem Treiben. Leute rufen in ihre Telefone, verliebte Paare schlendern an den Schaufenstern vorbei, ein Hund reißt sich von der Leine eines kleinen Jungen ab und läuft ohne Vorwarnung über die Straße. Das herannahende Auto kann in letzter Sekunde bremsen. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter und schreit unverständliche Worte in Richtung Junge und Hund. Der laute Verkehr verschluckt jedoch jede einzelne Silbe des Fahrers und so kommt es auch, dass niemand das unheimliche unterirdische Grollen wahrnimmt. Weit hinten am Horizont ziehen dunkle Schatten auf, und noch ahnt niemand, dass die Welt in einer knappen Stunde gänzlich anders aussehen wird als zuvor.

Die Schatten sind nur die ersten Vorboten und doch ziehen sie in einer rasenden Geschwindigkeit über den Himmel, setzen sich vor die strahlende Sonne, bis sie diese gänzlich verdunkelt haben. Die Ferngespräche werden abrupt beendet, das Hupen und der Lärm verstummen von der einen auf die andere Sekunde. Der Hund zieht den Schwanz ein, bellt laut auf und läuft zurück zu seinem Besitzer. Dieser nimmt ihn jedoch gar nicht mehr wahr, denn sein Gesicht ist, wie das aller anderen gen Himmel geneigt, mit einem Ausdruck des Entsetzens. Jetzt, da es unheimlich still geworden ist, nehmen auch die ersten das immer lauter werdende unterirdische Grollen wahr, welches aus den tiefen der Erde immer weiter nach oben zu steigen scheint. Die ersten panischen Schreie aus den Nebenstraßen werden begleitet durch die folgende Eruption. Die Erde beginnt zu beben, erst leicht, dann in vollem Ausmaße und in unregelmäßigen Abständen immer wieder. Häuser brechen zusammen wie Kartenbauten. Die Trümmer begraben die Menschen, die eben noch fröhlich über den nächsten Urlaub plauderten, unter sich. Verletzte wo man hinsieht, Schmerzensschreie, verzweifelte Gesichter. Die Überlebenden suchen Schutz, doch auch für sie kommt jede Hilfe zu spät. Die Erde rächt sich und genießt das Spektakel in vollen Zügen. Mit der letzten Eruption bricht die Straße und ein riesiger Krater tut sich auf. Autos verschwinden im Nichts, immer noch fallen die Trümmer der Häuser unaufhaltsam gen Boden. Die Straßen sind gepflastert mit Leichen und Verletzten, die ihren letzten Atemzug in Richtung des Himmel aushauchen. Das letzte was sie sehen, ist, wie dieser sich öffnet und brennende Gesteinsbrocken in Richtung Erde rasen. Die Auswirkungen der Einschläge erleben nur noch die wenigsten. Über allem steht das Ebenbild von Mutter Erde, welche die Arme triumphal in die Höhe reißt und bitterböse lacht.

Was nach dem Inferno überlebt hat, ist lediglich ein Schwarm Insekten, der ziellos durch das Land streift. Eine lautes Surren ist das einzige, was zu hören ist. Es gleicht einem melodischen Störgeräusch und ändert sich mit jedem Richtungswechsel des Schwarms. Von den Menschen ist nichts mehr übrig geblieben, abgesehen von einem Haufen Asche und die Bruchteile der Zivilisation, die sie einmal ausmachte. Jene, die dachten, sie könnten sich die Erde, ihre Welt, zu eigen machen, wurden eines Besseren belehrt. Mit einer unbändigen Kraft hat sie ihnen gezeigt, dass die Zeit des Verzeihens vorüber ist. Diesmal sollte es kein Erbarmen geben. Gegen die Insekten, die nun stärkste Rasse auf dem Planeten, konnte sie nichts ausrichten. Rastlos zieht der Schwarm umher und übertönt jedes mögliche Geräusch durch sein Surren. Die Insekten finden eine Gestalt, verlassen und allein auf einem Felsbrocken sitzen und lassen sich auf ihr nieder, um dort zu nach und nach zu verstummen, bis Stille herrscht. Nachdenklich und doch grinsend sitzt Mutter Erde da, denn sie weiß, dass sich alles irgendwann wiederholen wird.

Letzte Minuten

Die Wände des Krankenhauszimmers sind weiß und kahl. Die Atmosphäre kalt. Zu hören ist nur das Piepsen der Geräte. Jene Geräte, die den Menschen, um den die 8-köpfige Familie sich versammelt hat, ein paar letzte Minuten am Leben halten sollen. Tränen laufen über Gesichter, andere wagen den Blick nicht zu heben. Nur der Mann im Bett, das älteste Familienmitglied, hat die müden Augen weit aufgerissen, bekommt alles mit, kann jedoch schon lange nicht mehr agieren. Seine weißen, schütteren Haare fallen ihm ins Gesicht. Er schwitzt, der Schweiß tropft von seinen Ohren. Die Familie erzählt Geschichten aus seinem Leben, doch innerlich erzählt er sich seine ganz eigene Geschichte, lässt seine Lebensjahre Revue passieren. Irgendwie muss er ja Abschied nehmen können, wenn er sich schon nicht bemerkbar machen kann.

Reglos liegt er unter seiner weißen Decke. Seine Mutter, Gott habe sie seelig, durfte er niemals kennen lernen. Sein Vater erzählte ihm immer, dass es Komplikationen bei der Geburt gab. Die Technologie und Mittel waren kurz nach dem Ersten Weltkrieg eben noch nicht so ausgereift. In einem Todeskampf brachte sie ihn zur Welt, verlor dabei aber ihr eigenes Leben. Ein schlechter Tausch, fand sein alter Herr. Unter den Schlägen des Vaters wuchs der kleine Junge auf, der Kontakt zu Außenwelt wurde ihm verboten, so auch der Gang zur Schule. Das Einzige, was er kennenlernte, war die Rute und die strafende Hand des Vaters, der ihm den Tod seiner geliebten Frau niemals verzeihen konnte und wollte. Sein Hass war blendend und betäubend.

So wuchs der Junge ohne Namen heran, vergeudete seine Zeit mit nächtlichen Streifzügen durch die kleine Stadt in der er lebte.  Die Geschichte sollte zeigen, dass ein weiterer Krieg nicht lange auf sich warten ließ. Um seinem Vater zu entkommen, meldete er sich zum Kriegsdienst. Hier erhielt er endlich so etwas wie eine Identität. Und auch die Akzeptanz und den Respekt, der ihm in seiner Kindheit nie zu Teil werden sollte. Später erzählte er seinen Kindern und Enkeln immer wieder, wie stolz er damals war, der Wehrmacht zu dienen, besonders in Russland. Er erzählte, wie sie den Russen, den Hintern aufgerissen hatten und in der Hoffnung eines Sieges des Nächtens ihre Lieder sangen. Von der Schmach, die ihnen in Stalingrad wirklich widerfuhr, erzählte er nichts, ebenso wenig davon, wie peinlich und unverständlich ihm sein bedingungsloser Dienst für sein Vaterland später war. 

Fünf Jahre dauerte es, bis die Bilder nicht mehr ständig in seinem Kopf präsent waren. Bilder von Leichen, gefallenen Gegnern und Freunden, vergewaltigten Frauen und verstümmelten Kindern. Fünf Jahre bis er nicht mehr jede Nacht schreiend aus seinen Träumen aufwachte, es gerade bis ins Bad schaffte, bevor er sich übergeben musste und sich danach danach das nicht vorhandene Blut von den Händen wusch. Für ihn war es da. Fünf Jahre des imaginären Terrors, bis er sich langsam legte und der damals körperlich junge, doch innerlich gealterte Mann sein Leben erneut zu leben begann. Vergessen jedoch, das konnte er nie.  Er schwor sich alles anders zu machen, von vorne anzufangen. Aber aus der eigenen Haut kann man nicht raus. Er lernte Frauen kennen, viele Frauen. Er benutzte sie. Als Ablenkung bis er die eine kennen lernte, die ihn von Grund auf ändern sollte. Und dann geht auf einmal alles schnell.

Er hört etwas, dass er schon seit Monaten nicht mehr hörte. Das konstante Piepsen der Geräte, die ihn am Leben halten . Er wundert sich und in diesem Moment brechen die Bilder in seinem Kopf ab. Unwiderruflich. Erinnerung gelöscht. Panisch schaut er durch den Raum. Er trifft auf den Blick seiner Frau. Sie leidet, während sie seine Hand festhält und dabei zittert. Er leidet mit ihr. Der Blick seines einzigen Sohnes ist kalt. Der alte Mann weiß, dass er nichts besser gemacht hat, als sein eigener Vater. Sein Sohn hat das spüren müssen, was er nicht verarbeiten konnte. Er kann ihm jetzt nicht mehr böse sein, dafür ist keine Zeit mehr. Das Piepsen wird langsam, verliert an Gleichmäßigkeit. Seine Enkel spielen auf dem Boden, streiten sich um ein Matchbox Auto. Die Mutter versucht sie zur Ruhe zu bringen. Ruhe. Das ist das was er jetzt nicht haben müsste. Aber sie wird erzwungen. Das Piepsen verstummt, um ihn herum wird alles schwarz und still. Da hinten ist ein Licht. Im Geiste geht er darauf zu. Er verlässt diese Welt und wird in einer anderen alles besser machen. Dessen ist er sich sicher.

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