Ein Aufruf
Frei zitiert nach Dirk Bernemann:
Hui, was für ein Tag, sagt der Tag, der gerade ist und geht einfach weiter. Wieder mal offene Schockmünder und für jeden was dabei heute. Amy Winehouse tot. Typ in Norwegen tötet mit Zufallsgenerator fast 100 Leute. Ach ja, Dortmund spielt heute gegen Schalke. In Somalia sterben die Leute, weil sie nichts zu fressen haben. Gib doch den Nachrichten eine Chronologie der Wichtigkeit bettelt man sein überfordertes Gehirn an, doch das denkt noch kurz an den Abend und da ist ja kein Bier mehr im Kühlschrank. Gehört da aber rein. Muss jetzt kaufen. Jetzt. Im Radio läuft Amy Winehouse. Kacke.
Wer sich wie ne Crackhure verhält, soll auch wie ne Crackhure sterben, sagt eines, was neben dir sitzt und jetzt mit dir von dem Bier hat. Du selbst zuckst Schulter und suchst Weg durchs Geäst der Informationsvielfalt und willst nur mal kurz Standpunkt, nur mal kurz so Standbild mit Ruhephase, vielleicht 30 Sekunden Ruhe von dem Geballer, dem Mitleid erhaschen wollen, der ganzen Rotzbrigade da draußen.
Dein Plattenschrank beinhaltet eine Amy Winehouse Platte. Du legst sie auf und denkst, wenn du jetzt heulst, dann passiert irgendwas komisches mit dir. Du legst die Platte also auf, die Musik dümpelt los und du fühlst nix. Im TV so Hungerkinder, die mit dem Gesicht im Sand liegen. Selbst das als Kombination kann dich jetzt nicht weinen machen. Das Ding neben dir hat schon angefangen zu singen, will mehr Bier. Das ist also die Welt, wie sie heute ist. Schön ist das alles nicht, Schönheit liegt nur im Auge des Verachters.
Drogenpopstars, Attentäteropfer und Hungerkinder sterben wie die Fliegen und wir sitzen in irgendwelchen Küchen und diskutieren angebliche Wichtigkeiten, z. B. wer es denn jetzt schlimmer hat. Langsam wird dir klar, dass dir immer mehr egal wird und dass es sich gut anfühlt. Trauer hält nur auf, legt Steine auf Wege und die Winehouse Platte geht zu Ende und dieser Text ist kein Nachruf, sondern ein Aufruf.
Von Demontage und Erkenntnis
Ein sonniger Tag in einem fiktiven Jahr. Die Straßen sind gezeichnet von geschäftigem Treiben. Leute rufen in ihre Telefone, verliebte Paare schlendern an den Schaufenstern vorbei, ein Hund reißt sich von der Leine eines kleinen Jungen ab und läuft ohne Vorwarnung über die Straße. Das herannahende Auto kann in letzter Sekunde bremsen. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter und schreit unverständliche Worte in Richtung Junge und Hund. Der laute Verkehr verschluckt jedoch jede einzelne Silbe des Fahrers und so kommt es auch, dass niemand das unheimliche unterirdische Grollen wahrnimmt. Weit hinten am Horizont ziehen dunkle Schatten auf, und noch ahnt niemand, dass die Welt in einer knappen Stunde gänzlich anders aussehen wird als zuvor.
Die Schatten sind nur die ersten Vorboten und doch ziehen sie in einer rasenden Geschwindigkeit über den Himmel, setzen sich vor die strahlende Sonne, bis sie diese gänzlich verdunkelt haben. Die Ferngespräche werden abrupt beendet, das Hupen und der Lärm verstummen von der einen auf die andere Sekunde. Der Hund zieht den Schwanz ein, bellt laut auf und läuft zurück zu seinem Besitzer. Dieser nimmt ihn jedoch gar nicht mehr wahr, denn sein Gesicht ist, wie das aller anderen gen Himmel geneigt, mit einem Ausdruck des Entsetzens. Jetzt, da es unheimlich still geworden ist, nehmen auch die ersten das immer lauter werdende unterirdische Grollen wahr, welches aus den tiefen der Erde immer weiter nach oben zu steigen scheint. Die ersten panischen Schreie aus den Nebenstraßen werden begleitet durch die folgende Eruption. Die Erde beginnt zu beben, erst leicht, dann in vollem Ausmaße und in unregelmäßigen Abständen immer wieder. Häuser brechen zusammen wie Kartenbauten. Die Trümmer begraben die Menschen, die eben noch fröhlich über den nächsten Urlaub plauderten, unter sich. Verletzte wo man hinsieht, Schmerzensschreie, verzweifelte Gesichter. Die Überlebenden suchen Schutz, doch auch für sie kommt jede Hilfe zu spät. Die Erde rächt sich und genießt das Spektakel in vollen Zügen. Mit der letzten Eruption bricht die Straße und ein riesiger Krater tut sich auf. Autos verschwinden im Nichts, immer noch fallen die Trümmer der Häuser unaufhaltsam gen Boden. Die Straßen sind gepflastert mit Leichen und Verletzten, die ihren letzten Atemzug in Richtung des Himmel aushauchen. Das letzte was sie sehen, ist, wie dieser sich öffnet und brennende Gesteinsbrocken in Richtung Erde rasen. Die Auswirkungen der Einschläge erleben nur noch die wenigsten. Über allem steht das Ebenbild von Mutter Erde, welche die Arme triumphal in die Höhe reißt und bitterböse lacht.
Was nach dem Inferno überlebt hat, ist lediglich ein Schwarm Insekten, der ziellos durch das Land streift. Eine lautes Surren ist das einzige, was zu hören ist. Es gleicht einem melodischen Störgeräusch und ändert sich mit jedem Richtungswechsel des Schwarms. Von den Menschen ist nichts mehr übrig geblieben, abgesehen von einem Haufen Asche und die Bruchteile der Zivilisation, die sie einmal ausmachte. Jene, die dachten, sie könnten sich die Erde, ihre Welt, zu eigen machen, wurden eines Besseren belehrt. Mit einer unbändigen Kraft hat sie ihnen gezeigt, dass die Zeit des Verzeihens vorüber ist. Diesmal sollte es kein Erbarmen geben. Gegen die Insekten, die nun stärkste Rasse auf dem Planeten, konnte sie nichts ausrichten. Rastlos zieht der Schwarm umher und übertönt jedes mögliche Geräusch durch sein Surren. Die Insekten finden eine Gestalt, verlassen und allein auf einem Felsbrocken sitzen und lassen sich auf ihr nieder, um dort zu nach und nach zu verstummen, bis Stille herrscht. Nachdenklich und doch grinsend sitzt Mutter Erde da, denn sie weiß, dass sich alles irgendwann wiederholen wird.
Letzte Minuten
Die Wände des Krankenhauszimmers sind weiß und kahl. Die Atmosphäre kalt. Zu hören ist nur das Piepsen der Geräte. Jene Geräte, die den Menschen, um den die 8-köpfige Familie sich versammelt hat, ein paar letzte Minuten am Leben halten sollen. Tränen laufen über Gesichter, andere wagen den Blick nicht zu heben. Nur der Mann im Bett, das älteste Familienmitglied, hat die müden Augen weit aufgerissen, bekommt alles mit, kann jedoch schon lange nicht mehr agieren. Seine weißen, schütteren Haare fallen ihm ins Gesicht. Er schwitzt, der Schweiß tropft von seinen Ohren. Die Familie erzählt Geschichten aus seinem Leben, doch innerlich erzählt er sich seine ganz eigene Geschichte, lässt seine Lebensjahre Revue passieren. Irgendwie muss er ja Abschied nehmen können, wenn er sich schon nicht bemerkbar machen kann.
Reglos liegt er unter seiner weißen Decke. Seine Mutter, Gott habe sie seelig, durfte er niemals kennen lernen. Sein Vater erzählte ihm immer, dass es Komplikationen bei der Geburt gab. Die Technologie und Mittel waren kurz nach dem Ersten Weltkrieg eben noch nicht so ausgereift. In einem Todeskampf brachte sie ihn zur Welt, verlor dabei aber ihr eigenes Leben. Ein schlechter Tausch, fand sein alter Herr. Unter den Schlägen des Vaters wuchs der kleine Junge auf, der Kontakt zu Außenwelt wurde ihm verboten, so auch der Gang zur Schule. Das Einzige, was er kennenlernte, war die Rute und die strafende Hand des Vaters, der ihm den Tod seiner geliebten Frau niemals verzeihen konnte und wollte. Sein Hass war blendend und betäubend.
So wuchs der Junge ohne Namen heran, vergeudete seine Zeit mit nächtlichen Streifzügen durch die kleine Stadt in der er lebte. Die Geschichte sollte zeigen, dass ein weiterer Krieg nicht lange auf sich warten ließ. Um seinem Vater zu entkommen, meldete er sich zum Kriegsdienst. Hier erhielt er endlich so etwas wie eine Identität. Und auch die Akzeptanz und den Respekt, der ihm in seiner Kindheit nie zu Teil werden sollte. Später erzählte er seinen Kindern und Enkeln immer wieder, wie stolz er damals war, der Wehrmacht zu dienen, besonders in Russland. Er erzählte, wie sie den Russen, den Hintern aufgerissen hatten und in der Hoffnung eines Sieges des Nächtens ihre Lieder sangen. Von der Schmach, die ihnen in Stalingrad wirklich widerfuhr, erzählte er nichts, ebenso wenig davon, wie peinlich und unverständlich ihm sein bedingungsloser Dienst für sein Vaterland später war.
Fünf Jahre dauerte es, bis die Bilder nicht mehr ständig in seinem Kopf präsent waren. Bilder von Leichen, gefallenen Gegnern und Freunden, vergewaltigten Frauen und verstümmelten Kindern. Fünf Jahre bis er nicht mehr jede Nacht schreiend aus seinen Träumen aufwachte, es gerade bis ins Bad schaffte, bevor er sich übergeben musste und sich danach danach das nicht vorhandene Blut von den Händen wusch. Für ihn war es da. Fünf Jahre des imaginären Terrors, bis er sich langsam legte und der damals körperlich junge, doch innerlich gealterte Mann sein Leben erneut zu leben begann. Vergessen jedoch, das konnte er nie. Er schwor sich alles anders zu machen, von vorne anzufangen. Aber aus der eigenen Haut kann man nicht raus. Er lernte Frauen kennen, viele Frauen. Er benutzte sie. Als Ablenkung bis er die eine kennen lernte, die ihn von Grund auf ändern sollte. Und dann geht auf einmal alles schnell.
Er hört etwas, dass er schon seit Monaten nicht mehr hörte. Das konstante Piepsen der Geräte, die ihn am Leben halten . Er wundert sich und in diesem Moment brechen die Bilder in seinem Kopf ab. Unwiderruflich. Erinnerung gelöscht. Panisch schaut er durch den Raum. Er trifft auf den Blick seiner Frau. Sie leidet, während sie seine Hand festhält und dabei zittert. Er leidet mit ihr. Der Blick seines einzigen Sohnes ist kalt. Der alte Mann weiß, dass er nichts besser gemacht hat, als sein eigener Vater. Sein Sohn hat das spüren müssen, was er nicht verarbeiten konnte. Er kann ihm jetzt nicht mehr böse sein, dafür ist keine Zeit mehr. Das Piepsen wird langsam, verliert an Gleichmäßigkeit. Seine Enkel spielen auf dem Boden, streiten sich um ein Matchbox Auto. Die Mutter versucht sie zur Ruhe zu bringen. Ruhe. Das ist das was er jetzt nicht haben müsste. Aber sie wird erzwungen. Das Piepsen verstummt, um ihn herum wird alles schwarz und still. Da hinten ist ein Licht. Im Geiste geht er darauf zu. Er verlässt diese Welt und wird in einer anderen alles besser machen. Dessen ist er sich sicher.